Eines ist klar: Blog-Autorinnen sind auch im Urlaub auf Mission – an Weihnachten sowieso. Ganz besonders dann, wenn sie Hamburg in Richtung des vorpommerschen Flachlandes verlassen. Mit der Regional-Bummelbahn quer durch Norddeutschland ruckelnd, vorbei an zerfallenen NVA-Kasernen und durch den Aufbau-Ost verhübschte historische Innenstädte. In diesem Jahr begleitete mich eine gewisse Vorfreude im Regional-Express – auf den Roman “Der Hals der Giraffe”, bestes aller Weihnachtsgeschenke und aus diesem Grund die heutige Buchempfehlung.
Unter meinen Weihnachtsbaum landete “Der Hals der Giraffe” zugegeben aus sehr niederen Beweggründen: Der erste Grund: Die Literaturkritiker lobten den selbsternannten Bildungsroman in den Himmel. Die junge Autorin Judith Schalansky rangierte auf der Longlist des Buchpreises. Und der zweite: Die Autorin, gelernte Typografin und Designerin, gestaltete und setzte ihren Roman selbst, suchte sogar Material und Farbe des Einbandes aus. Meine Schwäche für schöne Bücher trommelte sofort Alarm. Ich musste das Schmuckstück besitzen. So kam ich auf die Giraffe, die in mein Hirn und das wiederum funkte: ein Fall für die “Mauer im Kopf”.
Denn Schalanskys Roman spielt in der vorpommerschen Einöde, aus der ich ebenso stamme, wie die Autorin selbst. Hauptfigur des Buches ist die Biologielehrerin Inge Lohmark. Sie ist das, was man eine Biologistin nennen würde. Ihr Gott ist die Lehre vom Leben, die natürliche Auslese, die Evolution. Mit ihr schafft Judith Schlansky eine Figur voller Härte und Unmenschlichkeit, die man gleichzeitig verabscheuen und bemitleiden möchte. Denn das was wir gemeinhin als glücklich bezeichnen ist Lohmark, die am fiktiven Charles-Darwin-Gymnasium unterrichtet, nicht. Ihr Mann, der zu DDR-Zeiten als Besamer arbeitete, züchtet heute im Heimatdorf Strauße, denen er seine gesamte Zuwendung schenkt. Die einzige Tochter ging vor Jahren in die USA und scheint den Kontakt zu ihren Eltern kaum zu vermissen. Ob Inge Lohmark dies alles in irgendeiner Weise anrührt, bleibt ihr Geheimnis. Die Gedanken der Lehrerin sind ellipsenhaft, auf kausale Zusammenhänge bedacht, faktisch. Wenn Schalansky die Innenansicht Lohmarks nach Außen kehrt, werden die Sätze zu einem Staccato. Praktisch Verb-frei schiebt die Autorin Satz an Satz. Eine zynische Behauptung befeuert die nächste – und das auch noch ungeheuer unterhaltsam.
“Der Hals der Giraffe” wartet mit verhältnismäßig wenig Handlung auf, bleibt Psychogramm einer ostdeutschen Lehrerin in einer vom Zerfall geprägten Region. Einzig eine Schülerin der neunten Klasse und Lohmarks Blick auf das Mädchen treiben den Leser voran, der hoffnungsvoll wartet, auf das was kommen mag – den Knacks im Leben von Inge Lohmark.
Für “Mauer im Kopf”-Leser bleibt “Der Hals der Giraffe” ein Einblick in ostdeutsche Lehrerzimmer mit noch immer überzeugten Sozialisten und furchtbar-engagierten Wessi-Direktoren, in leere Dörfer, in Schulbusse mit immer weniger besetzten Plätzen und in den Kampf einer Region um ihre Zukunft.
Zehn Seiten ihres Romans liest Judith Schalansky übrigens hier:




n wendekind
/ Dezember 31, 2011es ist erstaunlich wie genau die schriftstellerin den ton dieser lehrerin der, wie sagt man, “alten schule” trifft – sachlich, biologistisch, atheistisch…schade, dass genau dies auch ein manko ist. es bleibt eben sachlich – die emotionale bindung an die hauptfirgur wird erschwert. vielleicht, wahrscheinlich sogar, ist das gewollt – gelungen ist ihr diese allemal, aber der preis ist hoch – es wird eintönig.
zu gestehen bleibt allerdings, dass ich noch nicht zu ende gelesen haben.
2idane
/ Januar 27, 2012Hat denn jemand mit ein bisschen Ortskunde eine Idee, in welcher “schrumpfenden Kreisstadt” Schalanskys Roman spielen könnte? So viele kommen doch gar nicht in Frage, oder? Auf welche Stadt würden die Beschreibungen am ehesten passen?