Von zweien, die auszogen, Grenzen zu überwinden

Den werden sie wohl auf der Tour sichten: einen der letzten deutsch-deutschen Grenzpfosten. (Foto: Karl-Heinz Laube / pixelio)

Patrick Kindermann (27) und Dennis Schmidt (26) sind knapp 400 Kilometer entfernt voneinander geboren: Patrick in Ost-Berlin, Dennis im niedersächsischen Rotenburg. Mehr als das Dreifache dieser Strecke wollen sie nun gemeinsam mit dem Mountainbike zurück legen: 1400 Kilometer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, vom bayrischen Hof bis nach Travemünde an der Ostsee. Von verrückten Ideen, harten Trainingseinheiten und körperlichen wie geschichtlichen Grenzerfahrungen erzählen sie im Interview.

Dennis und Patrick, wie habt Ihr zueinander gefunden und seid auf die Idee gekommen, gemeinsam eine Mountainbike-Tour an der innerdeutschen Grenze zu fahren?

Dennis: Patrick und ich kennen uns schon eigentlich schon seit  drei bis vier Jahren. Aber in der letzten Zeit haben wir lange kaum etwas voneinander gehört – bis Patrick vor kurzem auf Facebook einen meiner Sportbeiträge kommentierte. Da er mitbekommen hatte, dass ich Mountainbike fahre und er selbst gerade ein neues brauchte, hatte er mich gefragt, ob ich nicht einen Laden wüsste. Ich stellte ihm die Bedingung, dass ich ihm einen guten Laden verraten würde, wenn wir dann mal ein paar Runden zusammen drehen.

Daraufhin schrieb er zurück, dass er gerne mal den Jakobsweg abfahren will, aber niemanden findet, der das mitmacht. Drei Tage später saßen wir dann bei ihm im Wohnzimmer und haben uns schließlich für die innerdeutsche Tour entschieden. Ausschlaggebend dafür war einfach, dass man oft das eigene Land gar nicht so gut kennt, aber ständig weit weg will, um „andere“ Sachen zu sehen. Diese Tour an der Grenze entlang bedeutet uns persönlich mittlerweile sehr viel. Wir wurden beide in der Zeit des geteilten Landes geboren. Der Weg auf dem wir ungefähr elf Tage fahren werden, trennte Jahrzehnte lang Menschen. Das wird sicher ein sehr merkwürdiges Gefühl, gerade mit dem Hintergrund, dass unsere Wurzeln, wenn auch unterbewusst, in dieser Zeit liegen.

Auf Facebook sucht ihr derzeit nach Sponsoren, um die Tour zu finanzieren. Wieviel wird euch das Abenteuer voraussichtlich kosten?

Patrick: mit allem drum und dran bei rund 1000 Euro liegen, deshalb sind wir für jede Unterstützung dankbar. Das Geld brauchen wir vor allem für spezielle Ernährung wie Ernergie-Riegel und Kohlenhydrategels, die Campingausrüstung, einachsige Fahrradanhänger, für die Bahnkosten bis nach Bayern und aus Schleswig zurück. Außerdem haben wir einen Hotelaufenthalt an der Ostsee geplant. Das ist sozusagen das weiche Bett an das wir denken, wenn es mal nicht so gut läuft: ein Hotel am letzten Tag, in dem dann das eine oder andere Bier geöffnet werden darf.

Hat mit dem Mountainbike noch 1400 Kilometer vor sich: Grenz-Fahrer Dennis Schmidt.

Habt Ihr euch abgesehen vom Hotel im hohen Norden noch weitere  Schlafplätze auf der Strecke organisiert?

Dennis:Nein, wir fahren ohne Vorabplanung los und haben nur ein Zelt dabei. Ziel ist der Tour ist es nämlich auch, die Leute auf der Strecke kennen zu lernen und sie anzusprechen. Wenn wir mal eine Scheune oder einen Heuboden finden, wäre das eine super Sache. Ein Bekannter von mir, der auf der Strecke wohnt, hat uns zum Beispiel einen Schlafplatz und Frühstück angeboten. Den kannte ich eigentlich nur durch seine Bücher und von der Poetry-Slam- Bühne, und fand das deshalb super herzlich. Dieses Angebot kam übrigens auch per Facebook. Das sind jedenfalls die Begegnungen, auf die wir hoffen.

Werdet Ihr auch den Rest der Welt während der Tour auf dem Laufenden halten?

Dennis: Die Radtour wird auf  Facebook komplett dokumentiert. Wir wollen versuchen ein- bis zweimal am Tag Bilder und Infos hochzuladen, wenn es das Netz zulässt. Den restlichen Tag wird das aber Handy ausgeschaltet sein.Vor Beginn der Tour gibt es auf der Seite Infos über die Vorbereitungen, unsere Sponsoren und natürlich Bilder, Bilder, Bilder.
Auf welchen Teil der Strecke freut ihr euch am meisten – und auf welchen überhaupt nicht?

Patrick: Ich persönlich freue mich sehr auf die vielen Seen, an denen wir vorbei kommen werden und auf die Erfahrungen mit den Menschen. Wird man unterstützt oder gibt es doch die eine oder andere Enttäuschung? Die bergige Landschaft wird sicher schön, aber auch extrem hart. Zum Glück sind das die ersten 600 Kilometer.

Dennis: >Ich freue mich schon sehr auf den Harz, obwohl ich davor auch großen Respekt habe. Aber das wird sicher klasse. Am meisten graust uns eigentlich vor den Wegbeschaffenheiten im Allgemeinen. Die Wege bestehen zum größten Teil aus großen Platten mit riesigen Rillen. Die waren halt für Grenzpatrouillen ausgelegt und nicht für Fahrräder. Auch die über 12000 Höhenmeter auf der Tour sorgen nicht gerade für Beruhigung.

Rein sportlich gesehen: Ihr plant auf eurer Tour jeden Tag 120 Kilometer zu schaffen, insgesamt 1400 Kilometer in unter zwei Wochen. Wieviel trainiert Ihr um dieses Ziel zu erreichen? Oder schafft Ihr das aus dem Stegreif?

Patrick Kindermann ist ausdauerstark: Aber reicht das fürs Mountainbike-Abenteuer?

Patrick: Aus dem Stegreif machen wir das definitiv nicht. Das würde auch gar nicht funktionieren. Da wir beide durch unseren Sport eine Grundfitness haben, bauen wir darauf zurzeit längere Rad und Lauftrainingseinheiten auf. Ich trainiere gerade ungefähr vier bis fünf mal pro Woche. Außerdem sind im März erste Testfahrten geplant. Zum Beispiel wird es eine Tour von Rotenburg nach Berlin geben, die wir in zwei bis drei Tagen bewältigen wollen. Tagesfahrten, wie zum Beispiel nach Hamburg hin und zurück, sind auf jeden Fall wichtig und Pflicht.

Dennis: Bei mir ist es so, dass ich durch meinen Lauf- und Triathlonsport zwar sehr viel Ausdauer habe. Aber ich glaube auch, dass gerade Ausdauer auf unserer Tour gar nicht so gefragt ist. Am meisten Sorgen machen wir uns eigentlich darum, ob man jeden Tag knapp fünf bis sechs Stunden über zehn Tage lang auf einem harten Sattel sitzen kann. Das wird, denke ich, die größte Herausforderung und die wollen wir in der Vorbereitung mit langen Fahrten versuchen zu trainieren.

Verbindet Ihr mit der Tour auch noch andere Ziele und Erfahrungen als den sportlichen Etappen-Sieg?

Dennis: Es geht zwar klar darum, die Tour zu schaffen – aber in diesem Fall ist der Weg wohl das Ziel. Minimalismus prägt diese Fahrt sicher auch. Luxus und Komfort wie Duschen und Toiletten sind zwei Wochen mal nicht gefragt. So komisch das auch klingt, wir denken oder hoffen, dass uns die Tour irgendwie verändert, dass man schätzt, was man hat.  Spannend wird natürlich auch der geschichtliche Aspekt der Tour und die Menschen, die an der ehemaligen Grenze wohnen.

Patrick: Interessant wird, wie Dennis und ich miteinander umgehen. In so einer Extrem-Situation kommt man oft ans Limit und wir hoffen natürlich, dass wir uns da nicht nach zwei Tagen total nerven. Das wird aber sicher nicht passieren. Wir haben recht ähnliche Ansichten und gleiche Vorstellungen, was diese Tour angeht. Das Ossi-Wessi- Thema kam bis jetzt auch noch nicht zwischen uns auf. Ich glaube aber, dass wir während der Tour sehr viel darüber sprechen werden, weil es die Situation einfach mit sich bringt.

Ihr habt euch also vor der Planung der Tour niemals gegenseitig als Ost- und Westdeutsche gesehen?

Dennis: Wir sind beide keine Menschen, die andere Leute nach ihrer Herkunft verurteilen. Mensch ist Mensch. Natürlich gibt es ab und zu mal einen Ossi- oder Wessispruch, aber wir haben das nie als Gegensatzthema vertieft. Uns beide interessiert die Geschichte, die Bücher und Filme über diese Zeit sehr. Die sind in unseren Augen interessanter als sich über Ostzuschüsse, die Ossis, die Wessis und andere Stammtischklischees zu unterhalten.

Hätten Sie’s gewusst…?

Zu leicht? Doch nicht? Vermutlich aber bringen diese und etliche ähnliche Fragen zur DDR nicht nur Sie sondern auch deutsche Schüler in hiesigen Klassenzimmern ins Schwitzen. Denn die letzte umfassende Studie an der FU Berlin über das DDR-Bild von Schülern im Jahr 2007 offenbarte wenig Erfreuliches. So kannten mehr als die Hälfte das Jahr des Mauerbaus nicht und nur jeder Dritte wusste, dass die DDR  die Mauer gebaut hatte. Ebenso viele hielten Willy Brandt für einen DDR-Poltitiker, was angesichts seiner Ostpolitik vielleicht noch nachvollziehbar wäre, aber Konrad Adenauer? 33 Prozent machten auch aus ihm einen Politiker des Arbeiter- und Bauernstaats. Nicht nur gravierende Wissensdefizite kamen zutage: Deutlich wurde auch, dass viele Schüler offenbar ein verklärtes Bild des Oststaates im Kopf hatten. Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker sei demokratisch legitimiert gewesen, glaubte ein Drittel der Befragten. Und 48 Prozent der Schüler aus Ost-Berlin sahen die DDR nicht als Diktatur.

Ein politisches Problem? Oder ein zeitliches?

Einer von vielen Gründen für die erschreckenden Ergebnisse liegt sicher darin, dass eine Kultusministerempfehlung zur “Darstellung Deutschlands im Unterricht” Mitte der 90er Jahre nicht zustande kam. Gescheitert am Widerstand der PDS-geduldeten Minderheitsregierung von Sachsen-Anhalt. So hatten die Länder lange Zeit keine verbindliche Vorlage für Ihre Lehrpläne. Und praktisch jede Schule konnte selbst entscheiden, welche Inhalte zur DDR behandelt wurden. Ein spezifisches Ost-Problem blieb natürlich die Vergangenheit einiger Lehrer, die sich in dem Regime eingerichtet hatten, und nach der Wende plötzlich ein kritisches DDR-Bild vermittelt sollten.

Wer ist bloß der Herr im Vordergrund? (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-E0813-0028-001.)

Inzwischen wurde in jedem Geschichtscurriculum in Deutschland die DDR als Inhalt aufgeführt. Doch die Vermittlung eines umfassenden und kritischen Bildes bleibt häufig auch ein Zeitproblem. Aus der chronologischen Geschichtsvermittlung an den meisten Schulen ergibt sich, dass die jüngste Vergangenheit am Ende eines Schuljahres durchgenommen wird – immer dann, wenn es für Schüler darum geht, die letzten Klausuren zu schreiben, die Urlaubspläne der Eltern schon mal doof zu finden und vor allem zu hoffen, dass endlich – endlich bald Ferien sind. Da kommt dann immer noch mal schnell DDR dran.

Politische Bildung leicht gemacht – und spannend

Die gute Nachricht ist: Manche Dinge ändern sich. Und gerade junge Lehrer haben es heute einfach das Kapitel DDR-Geschichte interaktiv und multimedial zu gestalten. So gibt es inzwischen viele engagierte Projekte, die sich dem Thema über das reine Schulbuch-Wissen hinaus widmen.  “Deine Geschichte” ist gleich ein ganzer Online-Auftritt, der sich mit der deutsch-deutschen Teilung auseinandersetzt und für Lehrer didaktisch aufbereitetes Material zur Verfügung. Das Dossier “Deutsche Teilung – Deutsche Einheit“  der Bundeszentrale für Politische Bildung ist für Geschichtslehrer eine der ersten Anlaufstellen, wenn sie das Thema durchnehmen, und das aus gutem Grund. Auch die Zeitschrift “Politik im Unterricht” hat ein bildstarkes Themenheft zur DDR heraus gegeben. So könnte die DDR-Unterrichtseinheit auch vor den Sommerferien noch funktionieren. Denn – und das ist die zweite gute Nachricht – weit über 70 % der Schüler wünschen sich laut “Deine Geschichte” eine intensivere Befassung mit der DDR-Geschichte.

Witz, komm raus …

Ein gelber Evergreen und offenbar immer noch eine Pointe wert. (Quelle: Rike/pixelio.de)

Es ist ein stinknormaler Abend, aber mein Glück ist perfekt. Dieses Glück heißt Globalisierung und hat mich zweifellos erreicht. Ich trage Jeans aus Thailand, die Couch auf der ich es mir in dieser Sekunde gemütlich machen darf, wurde mit ziemlicher Sicherheit irgendwo in Indien geknüpft und zur Krönung liefert der Asia-Dienst auch noch DAS einzig wahre Lieblingsimport-Produkt der Deutschen: Bananen – gebacken, im Teigmantel vor Fett triefend und mit Honig, der wurde leider nur aus der Lüneburger Heide über die Landstraße gekarrt. Was für ein Luxus! Dass ich das noch erleben darf! (Ich habe die Stimme meiner Oma im Kopf.) Einfach so nach Lust und Laune kann ich mir ein paar Bananen gönnen. Das wäre ja früher undenkbar gewesen! (wieder Oma)

Wer jetzt mindestens einen Ossi-Bananen-Witze im Kopf hat und sich ein Grinsen nicht verkneifen kann, darf gern lachen. Wer unüblicherweise keinen Einzigen kennt, sei auf eine simple Google-Suche hingewiesen: Ossi + Banane ins Suchfeld tippen und sich 0, 25 Sekunden später mit 199.000 Ergebnissen vergnügen – besonders mit der legendären Zonen-Gabi des Satire-Magazins Titanic (kurz schwirrte der Gedanke durch meinen Kopf die Ehrenwerte hier zu verlinken, aber: NEIN!) Und wenn das letzte Glucksen und Hicksen vor Lachen verschwunden ist, möchte ich fragen: Was genau ist an einem Bananen-Witz lustig? Warum tut ihr das? Weshalb fragt mich im Jahr 2007 (!) in der ersten Uni-Woche ein Kommilitone (gestandener Hamburger) ob ich gern eine Banane hätte? Und ist Menschen, die Bananen-Witze reißen, diese Art nicht selbst peinlich?

Statt der Mauer heute eine Banane im Kopf, und zwar eine überreife.

Glaubt man der Zeitung “Die Welt”, so ist die Banane nach der Wende zum Symbol der Entfremdung zwischen Ost und West geworden. Tiefen- und küchenpsychologisch analysiert der Autor, die Westdeutschen würden über Bananen-Regale plündernde Ossis nur deshalb witzeln, weil sie “im als peinlich empfundenen Verhalten eine frühere Inkarnation ihrer Selbst spürten, die sie doch schon längst für überwunden hielten.” Denn auch in Westdeutschland war die Südfrucht einmal knapp – bis Bundeskanzler Adenauer 1957 die zollfreie Einfuhr durchsetzte. Doch das Obstmangel-Trauma sitzt offenbar noch immer tief. Heute – das muss selbst “Die Welt” einräumen – trennt die Banane niemanden mehr. Sie ist zum zweitbeliebtesten Obst der Deutschen geworden – in Ost und West ein alltägliches Nahrungsmittel.  Jährlich konsumieren wir rund 600.000 Tonnen Bananen, knapp 15 kg pro Kopf.

Für meinen Kommilitonen darf ich nochmal zusammenfassen: Ich habe in meinem Leben genügend Bananen gegessen – in allen Variationen: als Babybrei, im Obstsalat, als Banana Split und Cocktail-Dekoration. Und es hat sich damit nichts geändert. Komisch. Dabei waren es doch die Bananen, nach denen sich die aus der Zone damals so sehr sehnten. Warum hat eigentlich noch nie jemand gefragt: Darf ich dir ein wenig demokratische Kultur anbieten? Noch freie Wahlen dazu? Und vielleicht einen Bissen Perspektive zum Dessert? Das hätte mir geschmeckt.

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